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Die Suche nach der Unbekannten

Warum Linux-Manpages keine "Online-Hilfe" sind

Wie sucht man nach etwas, von dem man nicht weiß, ob es das überhaupt gibt, und wenn ja, wie zum Teufel es bloß heißen könnte? Informationen nachschlagbar machen - das ist eine Kunst, die nicht jeder beherrscht. Können wir es lernen? Ja, indem wir lernen, mit unseren Anwendern zu leiden - wie hier demonstriert am Beispiel der Linux-Manpages.

Wenn ein Software-Entwickler davon spricht, daß er "Dokumentation" geschrieben hat, dann meint er damit etwas anderes als eine Technische Redakteurin, die dasselbe Wort verwendet. Und nur weil es in meiner Linux-Distribution ein "Hilfesystem" gibt, heißt das noch lange nicht, daß mir als Linux-Anfängerin damit auch tatsächlich geholfen wäre.

Ja, ich war tapfer und habe mich an die Linux-Shellbefehle rangetraut. Und ja, ich habe geflucht über die Unverständlichkeit der Manpages. Denn das ist alles, was man bekommt, wenn man in dieser sogenannten "Online-Hilfe" nachschlägt. Manpages. Entwickler-Dokumentation. Von Entwicklern für Entwickler und System-Administratoren geschrieben - nicht für durchschnittliche Anwender. Und schon gar nicht für Anfänger, die sich in Linux einarbeiten möchten.

Also was meint der Software-Entwickler, wenn er von "Dokumentation" spricht? Nun, er schreibt eben Software, und Software besteht aus Funktionen, die implementiert werden. Und um der Pflicht zu genügen und die Kollegen in der Qualitätssicherung zufriedenzustellen, liefert er zu seinen Funktionen einen Stapel Papier ab, auf dem die implementierten Funktionen - jede für sich - beschrieben, "dokumentiert" sind.

Und was versteht eine Technische Redakteurin unter Dokumentation?

Wenn sie ihren Beruf versteht, dann versteht sie darunter: Die Software als Ganzes auf eine Weise begreifbar zu machen, die eine Anwenderin dazu in die Lage versetzt, so schnell wie möglich ein sinnvolles, selbst gewähltes Handlungsziel damit zu erreichen.

Das ist ein elementarer Unterschied. Denn hier geht es nicht mehr um eine Summe von Funktionen, die vollständig aufzuzählen und zu "beschreiben" wären. Sondern es geht darum, daß Menschen, die eine Software benutzen, damit einen bestimmten Zweck verfolgen. Was wollen die Anwenderinnen damit tun? - Das ist die wichtigste Frage, die sich die Redakteurin stellen muß, bevor sie auch nur mit dem Gedanken spielt, Software-Dokumentation zu fabrizieren.

Linux-Manpages sind keine Hilfe. Sie sind für Anfänger nicht geeignet. Sie sind das genaue Gegenteil von Hilfe: Sie legen Dir Steine in den Weg, geben Dir Rätsel auf, schicken Dich auf Irrwege. Und das Schlimmste: Sie sind nicht nachschlagbar.

Denn sinnvoll nachschlagen kann ich nur dann, wenn der, der das Nachschlagewerk verzapft hat, dabei über mich nachgedacht hat. Er muß sich zumindest gefragt haben, was ich vermutlich schon weiß, und was ich auf gar keinen Fall wissen kann!

Das Zauberwort heißt: Suchkriterium. Ich kann im Großen Brockhaus nur dann nach den Mendelschen Gesetzen suchen, wenn ich eine Vorstellung davon habe, daß es sie gibt, und wenn ich den Namen "Mendel" schon irgendwann einmal im Zusammenhang mit Genetik und Vererbungslehre gehört habe.

Ebenso kann ich nur dann in den Linux-Manpages nachschlagen, wenn ich den Namen des Befehls, den ich brauche, schon kenne. Und da liegt der Hase im Pfeffer: Dieses Wissen können Linux-Anfänger nicht haben. Wenn sie es hätten, dann wären sie keine Anfänger mehr, sondern werdende System-Administratoren.

Bitte versteht mich nicht falsch: Ich habe nichts dagegen, daß es Manpages gibt. Sie sind bestimmt nützlich - für Entwickler und Linux-Profis, denen der eine oder andere Parameter zu einem Befehl grade nicht auf der Zunge liegt... Ich habe nichts dagegen, daß in meiner Linux-Distribution die Manpages mitgeliefert werden. Ich habe nur was dagegen, daß man versucht, sie mir als "Hilfe" zu verkaufen.

Durchschnittlich vorgebildete Menschen, die als Anfänger vor einer Software stehen, kennen nicht die Namen von Funktionen oder Befehlen. Sie wissen allerdings sehr genau, was sie mit der Software tun wollen: Das Tunwollen, die Tätigkeit, ist ihr Suchkriterium. Über das Suchkriterium des Tunwollens muß das Nachschlagewerk, wenn es wirklich eine Hilfe sein will, die handlungswilligen Anwenderinnen erst noch zu den Befehlen und Funktionen führen - immer eingebettet in einen sinnvollen Handlungsablauf.

Wenn also auch Linux-Anfänger eine Hilfe bekommen sollen, dann muß das Suchkriterium stimmen. Das bedeutet: Es muß eine Gliederung geben, in der nicht die Namen von Befehlen, sondern die Tätigkeiten den Ton angeben. Und wenn dann jemand nachgeschlagen und gefunden hat, dann muß es da einen Handlungsablauf geben, der die Vorgehensweise begreiflich macht und zum Handeln befähigt. Zuerst den häufigsten Fall, den Normalfall. Erst dann die möglichen Varianten. Und ganz zum Schluß - vielleicht - die ungewöhnlichen Sonderfälle.

Was tut also die leidgeprüfte Linux-Anwenderin, wenn sie zufällig außerdem noch Technische Redakteurin ist? Sie schreibt sich ihre Linux-Hilfe selbst. Und hofft, daß es noch andere Leidensgenossen gibt, denen sie damit weiterhelfen kann. Also besucht mich im /rutabagaland//rutabagaland/, und schreibt mir, ob es Euch eine Hilfe war. ;o)

© Meg Palffy 10/2002

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