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Begeisterung an die Schreibgeräte!

Technische Dokumentation braucht Überzeugungstäter

Wenn ich mir die Lustlosigkeit mancher Berufskollegen so ansehe, dann scheint Technische Doku für sie nur ein Job wie jeder andere zu sein. Ein langweiliges, aber immerhin bequemes Büro, ein Computer, ein bißchen technisches Wissen - und Dienst nach Vorschrift, den sie täglich von acht bis fünf absitzen, dreißig oder vierzig Jahre lang, bis zur Rente. Aber das darf ja wohl nicht wahr sein! Arbeiten wir denn nur, um es hinter uns zu bringen?

Wie reagierst Du, wenn jemand nur widerwillig mit Dir redet, Dir keine oder nur einsilbige Antworten gibt, Dich beim Reden nicht ansieht, Dir nicht zuhört? Richtig: Du verlierst die Lust, reagierst ebenso widerwillig. Du fühlst Dich abgelehnt, nicht verstanden. Ihr redet aneinander vorbei. Du bist diesem Menschen offensichtlich nicht wichtig - denn sonst würde er sich doch mehr Mühe geben, oder?

Handbücher schreiben ist kommunizieren. Widerwillig geschriebene Handbücher sind schlechte Handbücher. Wenn eine Technische Redakteurin keine Lust hat, mit ihren Anwendern zu sprechen, ihnen zuzuhören, sich in sie hineinzuversetzen - dann bringt sie kein gutes Handbuch zustande. Höchstens so ein lustloses, viel zu technisches Produkt-Rätselheft, unverständlich und frustrierend. Ein weiteres Exemplar von der Sorte, von der wir schon zu viele haben.

Und Du darfst nicht glauben, daß man es nicht merkt. Ein Beispiel:

Meine Eltern haben sich gerade einen brandneuen PC zugelegt, ein traumhaft schnelles Ding, und dazu einen neuen Drucker. Der neue Drucker kam in Begleitung eines kleinen Heftchens mit dem Titel "Erste Schritte". Und diesen Drucker haben meine Eltern am letzten Wochenende angeschlossen und in Betrieb genommen. Ganz allein. Beide keine Technik-Freaks, sondern normale Computeranwender in den Sechzigern.

Und jetzt solltest Du meine Mutter mal von diesem Heftchen schwärmen hören. "Ganz einfach und Schritt für Schritt erklärt, mit kleinen Zeichnungen zu jedem Schritt! Wir konnten das ganz allein anschließen, und es hat sofort funktioniert! Wir mußten noch nicht mal Deinen Bruder anrufen." Ich hab mir gleich gewünscht, ich hätte das Heft geschrieben - ein solches Lob zu hören ist mein höchstes Ziel. Mein Vater muß wohl Gedanken lesen können, denn er sagte: "Die Beschreibung ist so gut, die könnte von Dir sein." ;o)

So macht man Anwender glücklich - und genau das, und nichts weniger, sollte Dein Ziel sein, wenn Du Produkthandbücher schreibst!

Ich verspüre einen ausgeprägten Widerwillen gegen das Gerede vom "DAU", dem "Dümmsten Anzunehmenden Benutzer". Der Begriff macht es uns viel zu leicht. Er erlaubt uns, gedankenlos zu sein, uns über die "dummen" Anwenderinnen erhaben zu fühlen. Viel zu oft höre ich von Berufskollegen den Satz: "Wir schreiben ja schließlich nicht für den DAU, sondern für Leute mit grundlegenden Computerkenntnissen". Das ist eine Hintertür, die immer offen steht und deren Schwelle schon völlig ausgetreten ist vom Getrampel tausender Technischer Redakteure, die tagtäglich diesen einfachen Ausweg nehmen, um sich die Arbeit zu erleichtern.

Denn woraus genau bestehen sie, diese "grundlegenden Computerkenntnisse", die wir da so locker voraussetzen? Was ist das Minimum dessen, was ein "DAU" wissen muß, um sich für unsere Handbücher zu "qualifizieren"? Meine Eltern arbeiten seit über zehn Jahren mit Computern, und sie haben auch sonst keine Angst vor Technik. Trotzdem haben sie mit den meisten Software-Handbüchern gravierende Probleme. Und das nicht, weil sie durch irgendeine DAU-Prüfung gefallen wären - sondern weil die Redakteure, die diese Handbücher schreiben, sich durch die Hintertür davongeschlichen haben, statt sorgfältig mit ihren Anwendern zu kommunizieren.

Einer meiner Dozenten, von dem ich in der Ausbildung zur Technischen Redakteurin viel gelernt habe, pflegte zu sagen: "Einer muß sich plagen: entweder der Technische Redakteur oder der Anwender." Ich bin der Meinung, daß er damit recht hat. Trotzdem bevorzuge ich inzwischen eine andere, etwas freundlichere Sicht auf die Dinge.

Ich stelle mir nämlich während des Schreibens vor, wieviel Spaß es meinen Anwenderinnen machen wird, mit meinem Handbuch zu arbeiten, und mit welcher Begeisterung sie ihren Töchtern, Söhnen, Kolleginnen, Freunden davon vorschwärmen werden: "Ein Super-Handbuch, ganz einfach erklärt, so richtig Schritt für Schritt. Ich konnte das ganz allein machen, und es hat sofort funktioniert..."

Begeisterung steckt an. Sitz Deine Zeit nicht nur ab, bis zum Feierabend, bis zum Wochenende, bis zur Rente. Mach mehr aus Deinem Leben. Viel Spaß bei der Arbeit! ;o)

© Meg Palffy 07/2002

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