Eine Warnung an alle, die mit dem Gedanken spielen, einen Beruf in der Technischen Dokumentation zu ergreifen: Diese Entscheidung könnte Deine Persönlichkeit verändern! Und Dir außerdem den Spaß an Parties in gehobener, kultivierter Gesellschaft versauen... ;o)
Technische Dokumentation machen, das bedeutet: täglicher Umgang mit Technik, mit Software, mit Maschinen- und Computerlogik. Du mußt immer wieder neue technische Zusammenhänge begreifen und in klare, verständliche Worte und Bilder fassen. Du hörst nie auf zu lernen und bist immer auf der Suche nach neuen Informationen, die Dich weiterbringen.
Diese Denkgewohnheiten werden mit der Zeit selbstverständlich und hinterlassen ihre Spuren - auch in Deinem Privatleben.
Dein Gehirn gewöhnt sich nämlich an den interessanten Input und will ständig gefordert werden. Leere Plaudereien und "höfliche Konversation" können den Zeiger am Bullshit-Tacho ziemlich schnell in den roten Bereich hochtreiben.
Durch den regelmäßigen Umgang mit technisch denkenden, hart arbeitenden Menschen kommt noch eine gehörige Portion proletarische Ungeduld dazu. Vor allem gegenüber Leuten, die sich als ganz besonders intellektuell und gebildet verkaufen wollen. Mir platzt dann schon mal herzhaft der Kragen.
Es war eine ganz normale Party, zu der mich ein Bekannter mitnahm. Einer seiner Schulfreunde feierte Geburtstag in einem reizenden kleinen norddeutschen Dorf in der Nähe von Hamburg - ich glaube, es hieß Heidebüttelsbek oder so ähnlich... ;o)
Die Gäste waren allesamt beruflich erfolgreiche Paare Mitte Dreißig. Etablierte, gut verdienende Fach- und Führungskräfte, die nur noch zur Arbeit und zum "Shopping" nach Hamburg reinfuhren.
Wir hielten unsere Gläser in der Hand. Die Gespräche drehten sich um "nothing in particular". Es dauerte kaum eine halbe Stunde, bis mir sterbenslangweilig war.
"Was für eine Zeitverschwendung... Ich hätte ein Buch mitbringen sollen... wäre das sehr unhöflich? Ja, das wäre es..."
Aber der Gedanke ließ sich nicht abschütteln. Ich sehnte mich nach ordentlich schwierigem Lesestoff. Irgendwas aus der Kategorie Wissenschaftliche Schwarte. Oder ein Programmierhandbuch, von dem ich nicht mal die Hälfte verstand - das wäre perfekt gewesen.
Nur gelegentlich streifte mich ein Thema, das nicht schon auf tausend Parties durchgekaut worden war. Dann klammerte ich mich daran wie an ein Stück Treibholz - ich war eine Schiffbrüchige in einem Meer aus Brause. Aus den Gesprächen der anderen Gäste erklang leise säuselndes, feinsinniges Gesprudel.
Eine Weile hielt ich mich am erlesenen mediterranen Büffet aufrecht. Ich war tapfer. Sehr tapfer. Und sogar das Büffet hatte Stil. Es war wirklich ausgesprochen mediterran. So ging es noch ein bißchen gut.
Aber irgendwann platzte mir doch der Kragen, und ich dachte: Wenn ich schon Löcher in die Luft kucken muß, dann will ich dabei wenigstens die Sterne sehen! Also drückte ich mich unauffällig in der Nähe der Haustür herum, und als grade niemand hinkuckte, zog ich Schuhe und Jacke an... und draußen war ich.
Zur Rettung des Abends beschloß ich, mir eine Mission zu geben. Ich würde so lange draußen herumlaufen, bis ich das letzte Haus im stilvollen, vornehmen Heidebüttelsbek gefunden hatte. Ich war jetzt wild entschlossen herauszufinden, ob die Welt hinter dem Ortsausgangsschild zuende war, oder ob sie nicht doch noch ein bißchen weiterging - wenigstens ein paar Meter weit?
Energisch stapfte ich durch die Nacht, und allmählich fühlte ich mich wieder etwas lebendiger. An einem Blumenladen hing ein Schild: "Florale Kompetenz". Das entlockte mir ein Grinsen. Florale Kompetenz... Eine bildschöne hohle Phrase für meine Sammlung. Meine Laune besserte sich deutlich.
Das Laufen tat gut. Frische Luft belebt das Denken. Und nach einer halben Stunde Fußmarsch erreichte ich tatsächlich das Ende von Heidebüttelsbek.
Eine stille, völlig ausgestorbene Straße mit nur spärlich verteilten Laternen. Dort das Ortsausgangsschild, und dahinter verlor sich die Straße im Dunkel. Kein Zaun. Kein Abgrund. Irgendwo da hinten mußte sich die wirkliche Welt befinden... Ich seufzte erleichtert.
Das letzte Haus - das zufällige Ziel meiner Wanderung - sah etwas ärmlich aus. Besonders im Vergleich mit den teuren Einfamilienhäusern und Doppelhaushälften, an denen ich vorbeigekommen war. Ich sah es mir genauer an.
Der schlichte Putz wirkte schmuddelig. Die Haustür war so ein altes Siebzigerjahre-Ding mit schäbigen gelben und grünen Glasscheiben. Kindheitserinnerungen aus dem Ruhrgebiet stiegen in mir auf. Etwas fühlte sich vertraut an. Sollte es sich bei diesem Haus um das Heidebüttelsbeker Arbeiterviertel handeln?
Ich trat näher heran, sehr vorsichtig, damit mich niemand im Haus bemerkte... und im selben Moment, als ich einen Blick durch das Wohnzimmerfenster werfen konnte und die Möbel und Vasen sah, die tatsächlich seit den siebziger Jahren unverändert an derselben Stelle gestanden haben mußten - da fing mein Ohr die Musik auf, die aus dem Haus drang.
"Miiit seksunsechzich Jahren, da fängt das Leben an. Mit seksunsechzich Jahren, da hat man Spaß daranmiiiiiiit seksunsechzich Jahren..."
Lachen befreit. Ich lachte so, daß mir die Tränen in die Augen traten. Auch in Heidebüttelsbek gab es also Menschen, die nicht feinsinnig und "up to date" waren. Erfrischend schlechter Geschmack. Meinesgleichen... ich atmete auf und fing an, mich zu entspannen.
Ich stapfte den Weg zurück, ein fröhliches Udo-Jürgens-Medley auf den Lippen. Den Rest der Party nahm ich mit mehr Humor. Langweilig waren die Gespräche zwar immer noch, doch jetzt stürzte ich mich mit Todesverachtung in die diskret sprudelnde Brause. Schließlich geht auch der längste Abend irgendwann vorbei...
Mit viel Geduld und Ausdauer durchschwamm ich den See der gepflegten Konversation. Meine Gesprächspartner dagegen hatten es nicht nötig zu schwimmen. Mühelos wandelten sie auf der Oberfläche wie Jesus an einem seiner besten Tage.
Ach, aber ich tue diesen Leuten fürchterlich unrecht. Sie haben mich höflich und gastfreundlich behandelt, wie es unter kultivierten Menschen üblich ist. Können sie was dafür, daß ich mir bei ihnen vorkomme wie eine Currywurst mit Pommes auf einem Antipasti-Buffet?
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Eine Anmerkung zum Schluß: Die Personen in dieser Geschichte sind frei erfunden. Jegliche Ähnlichkeiten mit wirklichen Personen sind rein zufällig und höchstens meinem Mangel an Phantasie anzukreiden. Überflüssig zu sagen, daß es das Dorf Heidebüttelsbek nicht gibt... ;o)
© Meg Palffy 02/2002