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Macht Unordnung kreativer?

Räumt Eure Schreibtische auf. Räumt Eure Schreibtische auf...

Kreative Menschen gelten als unordentlich. Unordentliche Menschen gelten als kreativ. Muß es folglich auf meinem Schreibtisch erst aussehen, als sei ein Altpapier-Container explodiert, bevor mein Gehirn anfangen kann, neue Ideen zu produzieren...?

Bringen wir es gleich zu Anfang hinter uns: ich bin ein einigermaßen ordentlicher Mensch - aber eben nur einigermaßen. Und ob ich kreativ bin, steht noch lange nicht fest. Falls Du zu den wenigen wirklich kreativen Menschen gehörst, die von Ideen getroffen werden wie unsereins von der Grippe, die wirklich von der Muse geküßt sind und nicht wissen, wohin mit dem ganzen Ideenreichtum, der aus ihnen strömt - falls Du einer von diesen fünfeinhalb beneidenswerten Menschen bist, dann kann und will ich Dir keine Ratschläge geben. Sei so chaotisch, wie Dein Genie es erfordert.

Ich selbst gehöre zu den Leuten, die zu jeder Idee zu Fuß gehen müssen, und zwar den steinigen Weg... Bis zu einem gewissen Grad kann man Kreativität lernen und trainieren - jedenfalls gilt das für die meisten von uns. Wenn Du für Deine Ideen arbeiten mußt wie ich, wenn sie Dir nicht mühelos geschenkt werden, sondern nur im Tausch gegen viel, viel Arbeitszeit - dann lies ruhig noch mal ein bißchen weiter.

Carpe Diem! Nutze den Tag!

Der Tag hat vierundzwanzig Stunden. Wie ich sie verbringe, darf ich leider nicht ganz allein entscheiden: Mein Chef und meine Kunden haben diverse Wörtchen mitzureden - mindestens acht Stunden meines Tages gehören ihnen. Wege zur Arbeit und Wege von der Arbeit brauchen ebenfalls Zeit und lassen sich nicht ganz vermeiden. Mein Magen verlangt, daß ich täglich eine gewisse Zeit für die Nahrungsaufnahme verwende - immer nur unterwegs oder nebenbei am Rechner zu essen ist nun mal einfach nicht gesund. Und da wir grade bei "gesund" sind: ein paar Stunden Schlaf brauch ich auch...

Mein Lieblingsmethode, um möglichst viel von meiner Zeit freizuschaufeln für gezielte Kreativität und ungestörtes Denken, ist diese: Ich räume meinen Schreibtisch auf. Ich räume meinen Schreibtisch auf, bevor die Putzkolonne es tut. Ich räume meinen Schreibtisch auf, damit ich Zettel, Notizen, Unterlagen sofort wiederfinde, wenn ich sie brauche, und nicht erst nach langer Sucherei. Ich räume meinen Schreibtisch auf, weil alles, was jetzt gerade nicht wichtig ist, aus meinem Blickfeld verschwinden soll, damit ich mich auf das Wichtige - auf das Finden und Entwickeln von Ideen - konzentrieren kann.

Der wichtigste Ordner steht unterm Tisch

Gehörst Du zu den Leuten, die alle möglichen Zettel aufheben, auf denen sie sich mal was notiert haben? Die alles, was mit einem Projekt zu tun hatte, lochen und abheften? Auch wenn es längst erledigt ist, nur sicherheitshalber, falls es irgendwann noch mal wichtig wird...?

Vergiß es, denn Du wirst diese Notizen garantiert nie wieder brauchen. Sie sind überflüssig. Sie sind nicht nur überflüssig, sondern schädlich. Denn wenn Du nach ein paar Monaten versuchst, Dich in ein altes Projekt einzuarbeiten, hast Du vergessen, was wichtig war und was nicht, und mußt Dich durch den ganzen Papierberg nochmal hindurchlesen. Das dauert Stunden... Stunden, die Du schon längst damit verbringen könntest, Ideen für das kommende Projekt zu sammeln und auszuspinnen.

Trau Dich ruhig, und wirf die unwichtigen Zettel weg. Ich habe mir angewöhnt, ungefähr einmal im Monat alle laufenden Projekte durchzugehen und sie kräftig auszumisten. Was ich aufhebe, fällt in eine der folgenden Kategorien:

Der Luxus des Vergessendürfens

Das menschliche Gehirn ist ein schlechtes Werkzeug für die Terminverwaltung. Es funktioniert eher assoziativ als chronologisch und hat einfach keine brauchbare eingebaute Uhr. Deine subjektive Zeit vergeht mal schneller, mal langsamer, je nachdem, ob eine Sache langweilig oder interessant ist, ob Du verliebt bist oder nicht, ob Du zu viel Pizza gegessen hast oder ob Du Dir über irgend etwas Sorgen machst... Eine innere Uhr, die Dich zuverlässig im richtigen Moment an einen Termin erinnert, gibt es leider nicht.

Wenn Du also Termine hast, die Du nicht versäumen darfst: versuch gar nicht erst, sie im Kopf zu behalten. Die Anstrengung, an alles Wichtige im richtigen Moment zu denken und bloß nichts zu verschusseln, erhöht nur den alltäglichen Streßpegel und macht Dich unruhig.

Schaff Dir lieber einen handlichen Terminkalender an, den Du immer bei Dir tragen kannst. Schreib Dir Termine auf, damit Du sie vergessen darfst. Mach Dir den Kopf frei vom An-etwas-denken-müssen. Nur dann kannst Du gezielt kreativ sein: wenn Du Dir erlaubst, für eine gewisse Zeit die Zeit ganz zu vergessen.

Aus demselben Grund führe ich "to-do-Listen". Alles, was ich im Zusammenhang mit einem Projekt noch erledigen muß, alle offenen Fragen, die ich noch klären muß, alles, woran ich bis zur Fertigstellung denken muß, schreibe ich in eine Datei. Diese Datei liegt immer an derselben Stelle auf meinem Rechner, ich ändere sie täglich mehrmals, schreibe Notizen rein und lösche erledigte Punkte raus, und manchmal drucke ich sie aus und nehme sie zu einem Gespräch mit, um die noch offenen Punkte zu klären.

Meistens ist sie aber einfach eine Gedächtnisstütze für mich selbst. Damit ich alles, auch das Wichtige - vor allem das Wichtige - gefahrlos vergessen und mich entspannen kann, um konzentriert kreativ zu arbeiten.

Die Schnipsel-Ecke - Naturschutzgebiet für Spinnereien

Jetzt habe ich mich lange darüber ausgelassen, wie ich mir all das vom Hals schaffe, was der Kreativität im Weg steht. Aber das Wichtigste fehlt ja noch, das Wichtigste überhaupt - wie gehe ich mit Ideen um? Wohin sortiere ich die?

Jeder Mensch sollte eine Schnipsel-Ecke haben, eine Nische für den Kleinkram am Rande. Einen Schutzraum, in dem alles erlaubt ist, nur keine Selbstzensur. In der Begriffe wie "akzeptabel", "sinnvoll" oder "verwertbar" nicht den üblichen Türsteher- und Rausschmeißerjob haben.

In diese Schnipsel-Ecke werfe ich meine Ideen. Und wenn ich eine Idee ausspinnen möchte, dann begebe ich mich absichtlich hinein.

Auf meinem Schreibtisch steht - neben den Ablagekästen für laufende Projekte - auch ein Ablagekasten für Ideen und Spinnereien. Dort hinein wandert alles, was ich sonst nirgendwo unterbringen kann. Eine Idee, die zum falschen Zeitpunkt kommt, zwischendurch, und aus der ich nicht sofort etwas machen kann. Ein Gedanke wie "Man müßte mal..." oder "Was wäre eigentlich, wenn...", der allgemeines Philosopieren in einer ruhigen Stunde erfordert. Ein Einfall, der gut ist, aber noch reifen muß und erst zusammen mit anderen Einfällen zu einer tragfähigen Idee wird.

Für unterwegs hat sich ein Notizbuch bewährt, in das ich alles schreibe, was mir so einfällt, egal ob ich mir grade vorstellen kann, was irgendwann mal daraus werden könnte. Jeden interessanten, nicht alltäglichen Gedanken, auch kleine Beobachtungen am Rande, schreibe ich mit wenigen Stichworten in dieses Notizbuch. Und von Zeit zu Zeit blättere ich darin herum und beobachte, wie mehrere der gesammelten Schnipsel sich zu einer tragfähigen Idee zusammenfinden...

Kreativ sein ist nicht leicht. Aber Du kannst es Dir erleichtern, indem Du Dir eine Ordnung zulegst, in der es - räumliche und zeitliche - kreative Ecken gibt. Also: wann räumst Du Deinen Schreibtisch auf...?

© Meg Palffy 12/2001

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