Welche Schriftgröße ist die beste? Wie soll ich Text und Bild im Layout anordnen? Wie formuliere ich Handlungsschritte richtig? - Zu jedem dieser Themen gibt es feste Glaubenssätze, die vermeintliche Sicherheit schaffen und Dir erstmal eine Menge Entscheidungen abnehmen. Aber dabei solltest Du nicht stehenbleiben.
Im Gespräch mit Berufskolleginnen kommt das Thema immer mal wieder auf Grundsatzfragen. Über fast jede dieser Fragen gibt es mindestens zwei Standpunkte, und wenn Du an konfliktfreudige Leute geraten bist, dann kann sich daraus schnell ein lebhaftes Streiten entwickeln. "Das macht man am besten so..." kann die Einleitung zu einem stundenlangen Wortgefecht sein. Ich hab schon erlebt, daß sich zwei Kollegen nicht mehr grüßten, weil sie unterschiedlicher Meinung darüber waren, ob in Handlungsanleitungen der Infinitiv oder der Imperativ zu benutzen sei...
Und wenn Du jemanden mit einer derart vorgefaßten Grundsatz-Meinung so richtig auf die Palme bringen willst, dann versuchs mal mit: "Ich bin der Meinung, beide Möglichkeiten können sinnvoll sein, das hängt vom Einzelfall ab."
Hier drei schöne Beispiele, über die sich - mit den richtigen Gesprächspartnern - endlose Debatten führen lassen:
Vor allem für Berufsanfängerinnen sind solche Fragen nicht trivial, denn Du kannst noch auf wenig Erfahrung zurückblicken und mußt eigentlich jede Entscheidung gründlich überdenken. Und eigentlich müßtest Du ein bißchen experimentieren, ein paar Varianten ausprobieren, sie vergleichen, sie einigen Kolleginnen zeigen, um ihre Meinungen zu hören. Dafür hast Du aber selten wirklich genug Zeit. Deshalb bist Du am Anfang meistens froh, wenn Dir jemand eine einfache Lösung anbietet: "So macht man das."
Mit zunehmender Berufserfahrung stellst Du diese "Wahrheiten" nach und nach in Frage - und zwar umso schneller, je stärker Du gewohnt bist, Deinem eigenen Urteil zu vertrauen. Wenn Du einen eigenen Kopf hast und auch altvertraute Überzeugungen immer mal wieder auf den Prüfstand stellst, dann wirst Du von Fall zu Fall auch absichtlich gegen Goldene Regeln verstoßen. Und das ist gut so - vorausgesetzt, Du tust es mit Überlegung.
Nur Rebell zu sein, reicht nämlich nicht ganz. Es sollten schon einige solide Kriterien am Werke sein, wenn Du einen Glaubenssatz genauer unter die Lupe nimmst.
Alleroberstes Lieblings-Kriterium ist - na klar - die vielgepriesene "Anwenderinnenfreundlichkeit". Aber oft sind es leider auch schnödere Dinge, wie das Budget oder die Terminlage, die am Ende den Ausschlag geben müssen. Und manches Ideal scheitert auch einfach daran, das es so, wie es wünschenswert wäre, einfach nicht geht. Zum Beispiel, weil man sich andere Nachteile damit einhandelt, die absolut nicht akzeptabel sind.
Der abschließende Urteilstext "So macht man das" ist fast immer falsch - weil er Allgemeingültigkeit beansprucht, wo meistens keine ist. Ich biete Dir "So kann man es machen" als Alternative an und glaube, daß Du mit der Flexibilität, die Dir dieser Satz erlaubt, weit erfolgreicher sein wirst als mit den gesammelten Dogmen der ganzen Technischen Dokumentation.
Mit diesem "So kann man es machen" im Hinterkopf lassen sich zum Beispiel die drei Streitfragen von oben ganz entspannt betrachten:
Soweit meine Empfehlungen zum Umgang mit der Dogmatik. Aber Du darfst nicht glauben, daß Du mit dieser Grundhaltung nun etwa weniger anecken würdest! Nee nee, im Falle eines Streitgespräches hast Du nämlich in Nullkommanix beide Lager gegen Dich. Probier's ruhig mal aus, sag einfach: "Ich bin der Meinung, beide Möglichkeiten können sinnvoll sein, das hängt vom Einzelfall ab." - aber sag nachher nicht, ich hätte Dich nicht gewarnt. Nichts erschreckt einen Dogmatiker mehr als die Freiheit, selbst wählen zu können.
© Meg Palffy 09/2001