die niedere Schule des Streitens

Der Krieg beginnt, wenn wir noch Kinder sind, und dauert an, bis wir sterben.

Ein Mädchen, das lernt zu lesen, liest irgendwann vielleicht auch die Klassiker. Die Geschichte von Tom Sawyer und Huckleberry Finn zum Beispiel. Sie taucht ganz in die Geschichte ein - sie selbst ist Tom Sawyer, erkundet eine unterirdische Höhle und stellt einen gefährlichen Verbrecher. Sie ist auch Huck Finn, fährt auf einem Floß den Mississippi hinunter und verhilft dabei einem schwarzen Sklaven zur Flucht.

Eigentlich ist sie ein fröhliches Kind.

Und dann wird sie dreizehn, vierzehn Jahre alt, kommt in die Pubertät, sucht sich ihre eigene Meinung zu vielen Dingen, ihre eigenen Träume und Ziele. Sie macht Pläne, was sie tun will, und was sie aus sich machen will.

Da muß sie erleben, daß man ihr sagt: "Das, was du da gelesen hast, ist aber ein Buch für Jungs. Du bist ein Mädchen - für dich gilt das nicht. Du kannst nicht einfach so auf einem Floß den Mississippi runterfahren. Du kannst nicht Tom Sawyer oder Huckleberry Finn sein."

Aber sie weiß, natürlich weiß sie, daß sie es kann! Sie hat es ja getan, in ihrer Phantasie, tausendmal schon ist sie den Mississippi runtergefahren! Sie kann das genau so gut wie irgendein Junge. Sie weiß, daß sie etwas Abenteuerliches, Großes leisten kann! Da gibt sie nicht so einfach auf!

Also werden andere Kaliber aufgefahren. Dieser naiven Göre muß man mal die Grenzen zeigen. "Was glaubst du denn? Die Welt ist gefährlich, vor allem für junge, hübsche Mädchen. Da kommen die Männer sofort auf andere Gedanken. Mädchen sind keine Helden. Kuck doch in deine Bücher: die Helden sind immer Männer, und die kriegen dann jede Menge Frauen zur Belohnung. Wenn du Glück hast, darfst du mal daneben stehen."

So beginnt die niedere Schule des Streitens. Trotzig kämpft sie mit den Stimmen, die ihr sagen, daß sie zu klein, zu schwach, zu dumm ist. Zu dumm vor allem! Das wollen wir doch mal sehen!

Sie kämpft für ihre Würde und benutzt ihren klaren, wachen Verstand, um ihre Gegner niederzufechten. Sie wird eine Meisterin im Kampf mit Worten. Was ihr einer austeilt, das muß er zehnfach wieder einstecken. Jähzornig ist sie, aufbrausend und wütend, und gibt niemals auf. Hat immer das letzte Wort. Eine echte Furie.

Sie ist nicht zu bändigen. Sie streitet auch unfair, wenn die anderen persönlich werden. Sie greifen sie an, mit Beleidigungen und Beschimpfungen. Also lernt sie auch, mit Worten zu verletzen und ihre Gegner zornig in den Boden zu stampfen. Wo sie diskutiert hat, wächst kein Gras mehr. Sie nimmt es mit jedem auf.

Irgendwann kann sie nicht mehr aufhören. Sie kämpft ihr ganzes Leben lang. Auch mit sich selbst - mit jedem kleinen, nagenden Zweifel. Und überhaupt mit jedem Gefühl von Schwäche, das sie bei sich zu entdecken glaubt. Schwäche kann sie sich nicht verzeihen - ihre Gegner würden das sofort ausnutzen. Sie muß jetzt um jeden Preis gewinnen, um nicht unterzugehen.

 

©2001/2004
Meg Palffy