Ich habe gelernt, mich zu wehren. Erst in einem Selbstverteidigungskurs, dann in einer Schule für Wen Do. Dabei ist mir wichtig, daß die Gruppe nur aus Frauen besteht. Ich brauche, um mich bei einem wirklichen Angriff zu verteidigen, ein klares Feindbild, und wenn ich auch männliche Trainingspartner hätte, würde ich im Ernstfall zu viel Rücksicht auf den Angreifer nehmen. Im Training lernen wir eben auch, vorsichtig zu sein, um die Trainingspartnerin nicht zu verletzen. Im Ernstfall darf ich das nicht. Da brauche ich eine klare Grenze.
Das ist vielleicht nicht besonders nett, daß ich Männer im Training als die Bösen hinstelle. Natürlich gibt es auch nette Männer, die niemals eine Frau angreifen würden. Aber wenn ich angegriffen werde, hab ich keine Zeit für differenzierte Betrachtungen über solche und solche Männer. Wenn ich dann anfange, darüber nachzudenken, ob dieser Typ nicht eigentlich ein ganz Netter ist, dann hab ich schon verloren.
Der Kampf wird im Kopf entschieden. Das hat auch gar nicht so viel mit Kraft zu tun - davon haben Frauen ja bekanntlich weniger, obwohl ich auch schon schmächtige Männer kennengelernt habe, die ich mit einem kräftigen Stoß aus dem Anzug pusten könnte. Und die bieten einer Frau dann an, sie nach Hause zu begleiten, damit ihr unterwegs nichts passiert. Das will ich sehen, wie so ein Hemd es mit drei Schlägertypen aufnimmt, um mein Leben zu schützen! Träum weiter, Männeken, das kann ich besser selbst. - Nein, die meisten Männer glauben, wenn sie da sind, dann trauen sich die anderen erst gar nicht. Die vielen düsteren Triebtäter, von denen es auf unseren Straßen nachts angeblich nur so wimmelt... Aber das ist dummes Gerede. In Wirklichkeit ist es nachher genau der nette Typ, der dich nach Hause bringt, "damit dir keiner was tut". Die meisten Täter sind Verwandte, Bekannte, Freunde, der eigene Mann... Leute, die du kennst.
Der Kampf wird im Kopf entschieden. Ein Meister des Kung Fu hat mir bei einem Workshop mal gesagt: Wenn du eine Kriegerin werden willst, mußt du zuerst dich selbst besiegen. Alles, was dich am kämpfen hindert: deine Vergangenheit, deine Selbstzweifel, deine Liebe und deinen Haß. Alle Gefühle und Gedanken, die dich ablenken. Erst dann kannst du auf deinen Körper hören und das tun, was er dir sagt, ohne nachzudenken. Wenn dein Körper sagt, daß etwas nicht in Ordnung ist, dann mach dich bereit zum Kampf, und denk nicht: Ach, dieser Schlägertyp da hinten wird mir schon nichts tun. Das ist falsch, denn dein Körper hat dir schon gesagt, daß der Typ dir etwas tun wird. Oder hast du nicht plötzlich so ein unbestimmtes Gefühl im Bauch? Kam dir nicht gerade noch irgendetwas an ihm merkwürdig vor? Diskutier es nicht weg, denk nicht darüber nach, sondern kehr um und geh ihm aus dem Weg. Und wenn das nicht mehr möglich ist: dann mach dich bereit zum Kampf.
©2001/2004
Meg Palffy